Die Kunst der Vergangenheitsliebe mit fanatischem Touch
Es gibt sie. Diese Menschen, die bei jedem Gespräch irgendwann in die verbale Zeitmaschine steigen, ein wenig Nebel der Verklärung ausstoßen und dann inbrünstig verkünden:
„Früher war alles besser!“
Klar. NatĂĽrlich. Damals, als Telefone noch an der Wand hingen wie verirrte Festplatten, als man in Diskettenformaten dachte und der Wetterbericht nur aus Bauernregeln bestand. Herrlich war das!
Die gute alte Zeit – als man noch wusste, wie man leidet
Damals, als man im Auto noch ohne Airbags, dafür mit Asbestbremsen und dem Duft von Zigarettenrauch auf der Rückbank groß geworden ist – das war Erziehung mit Charakter! Wer heute keinen CO₂-Fußabdruck mehr hat, hatte damals wenigstens einen Nikotin-Lungenabdruck von Opa Heinz.
Und das Fernsehen! Drei Programme, die pünktlich um Mitternacht in den Sendeschlaf fielen – und das Testbild war der beste Inhalt des Tages. Kein Netflix, kein Binge-Watching – man wartete wie ein hungriger Pavian auf den nächsten „Tatort“, bei dem wenigstens einer nach 90 Minuten tot war. Heute? Serien ohne Ende, und trotzdem fühlt sich keiner mehr unterhalten. Tja, früher war halt auch das Fernsehen effizienter im Frust.
Butterbrot statt Superfood – damals wurde man noch mit Margarine stark
In der guten alten Zeit gab es keine Avocados. Dafür gab es Stullen. Stullen, die in Brotpapier eingewickelt waren, das von der letzten Woche übrig geblieben war. Recycling auf Mutter-Art. Und wer sich heute über gesättigte Fettsäuren aufregt, hat nie den Stolz in Omas Augen gesehen, wenn sie „noch ein bisschen Schmalz“ auf die Knifte schmierte, als wäre es Liebe in Schweineform.
Superfood? Das war das Ei aus der Legebatterie. Wenn’s grün war, wurde’s einfach länger gekocht.
Techniktod und Tamagotchi
Natürlich war auch die Technik „besser“. Die VHS-Kassette war eine Art Blackbox der Kindheit – unlesbar, unspulbar, aber mit der Fähigkeit, das „Traumschiff“ drei Jahre lang aufzubewahren. Wer heute die Cloud nutzt, hätte damals von Papa eine Backpfeife und den Satz „Wir sind doch keine Hippies“ bekommen.
Und Tamagotchis! Diese digitalen Haustiere, die starben, wenn man ihnen mal fünf Minuten keine Aufmerksamkeit schenkte – ganz anders als heutige Kinder, die offenbar aufgeladen werden müssen, wenn das WLAN ausfällt.
Der Blick zurück – durch den goldgetönten Instagram-Filter des Gedächtnisses
„Früher war alles besser“ ist im Grunde der Filtersatz der Retromanie. Eine rosarote Brille, deren Gläser aus Nostalgie bestehen und deren Bügel aus Realitätsverweigerung geschmiedet sind.
Denn ja, natürlich war manches „anders“ – aber besser?
- Der Zahnarzt ohne Betäubung?
- Auto ohne Servolenkung und Sicherheitsgurte?
- Kassettenrekorder mit Bandsalat?
- Brotsuppe? (Pures Elend im Teller)
Rückspiegel sind wichtig – aber kein Navigationsgerät
Versteh mich nicht falsch: Die Vergangenheit darf gern zu Besuch kommen. Mit alten Liedern, verstaubten Polaroids und Geschichten, die mit „Weißt du noch…“ beginnen. Aber sie sollte bitte nicht auf der Couch einziehen und anfangen, über moderne Heizungsthermostate zu schimpfen.
Denn wer ständig im Gestern lebt, verpasst das Heute und steht dem Morgen im Weg. Fortschritt ist unbequem – aber Stillstand ist Rückfall mit Nostalgietapete.
Also ja, frĂĽher war vielleicht manches einfacher. Aber einfacher ist nicht besser.
Ein Toast auf die Gegenwart – glutenfrei, versteht sich.

Live dabei: Früher war alles besser – sogar das Schlechte!
Ein Gespräch mit Nostalgie-Jäger Erich H. (52), Sammler, Zeitzeuge und leidenschaftlicher Gegner moderner Toaster.
Meckerbude:
Herr H., Sie tragen eine Schlägermütze, riechen dezent nach Möbelpolitur und haben gerade auf dem Flohmarkt ein Butterfass gekauft. Wie fühlt sich das an?
Erich H.:
Herrlich! Wissen Sie, so ein Butterfass hat Seele. Das ist nicht wie diese modernen Dinger… wie heißen die? Thermo-Mixer? Die machen aus allem einen Brei. Früher hat man noch gefühlt, wenn die Butter fertig war. Da hast du richtig geschwitzt – wie bei der Steuererklärung, nur ehrlicher.
Meckerbude:
Sie sagen oft, dass „früher alles besser war“. Gibt es dafür konkrete Belege?
Erich H.:
Natürlich! Das Essen zum Beispiel. Heute essen die Leute Quinoa. Was ist das überhaupt? Klingt wie eine osteuropäische Band aus den 80ern. Wir hatten Grießbrei! Drei Tage alt, steinhart, aber mit Zimt drauf war das ein Gedicht! Und Fernseher hatten Röhren! Röhren, verstehen Sie? Keine dieser flachen, charakterlosen Flundern von heute. Wenn du den Fernseher damals anschriebst, hat er dich respektiert.
Meckerbude:
Was sagen Sie zu moderner Technik – Internet, Smartphones, Streaming?
Erich H.:
Pah! Ich habe einen Festnetzanschluss mit Wählscheibe. Wenn du da eine Nummer mit vielen Neunen wählen wolltest, hast du dir wirklich überlegt, ob du Oma anrufst oder doch lieber einen Brief schreibst. Und Streaming! Früher bist du samstags mit der Videokassette zur Videothek. Drei Kilometer, bei Regen, ohne Gore-Tex. Und wenn der Film Schrott war – Pech gehabt. Heute wird einfach „geskippt“! Kein Durchhaltevermögen mehr, die Jugend.
Meckerbude:
Was ist Ihre größte Errungenschaft aus der Vergangenheit?
Erich H.:
Ein originaler Nierentisch von 1962 mit Zigarettenbrandfleck – unbezahlbar. Und meine Dederon-Schürze! Die ist so hässlich, dass sie schon wieder schön ist. Ich trage sie jeden Sonntag beim Frühstück, wenn ich mir Dosenmilch in den Filterkaffee kippe. Nostalgie schmeckt eben nach Kondensmilch und leichtem Frust.
Meckerbude:
Gibt es gar nichts, was Sie an der Gegenwart schätzen?
Erich H.:
Doch. Die Heizdecke mit Zeitschaltuhr. Ich bin ja nicht verrĂĽckt.
Meckerbude:
Letzte Frage: Was wĂĽrden Sie der heutigen Generation mit auf den Weg geben?
Erich H.:
Hört auf zu wischen, wenn’s nix wegzuwischen gibt! Und legt euch wieder Teppiche mit Fransen zu – dann habt ihr wenigstens wieder eine Aufgabe im Leben. Und wenn ihr wirklich etwas erleben wollt: Versucht mal, einen Kassettenrekorder zu reparieren, während „Modern Talking“ hängt. Das ist Charakterbildung.
Meckerbude Statement:
Erich H. ist der Beweis, dass man mit genug Hartnäckigkeit sogar der Gegenwart entkommen kann – zumindest emotional. Wir wünschen ihm weiterhin viel Erfolg auf der Suche nach dem einzigen echten Puddingformer von 1955. Und hoffen insgeheim, dass seine Heizdecke bald WLAN hat.
