Die glorifizierte deutsche Gemütlichkeit in Perfektion
– Eine Abrechnung mit dem Campingkult –
Manche Menschen suchen im Urlaub das Abenteuer. Andere suchen Entspannung. Der deutsche Camper hingegen sucht in erster Linie eines: sich selbst – irgendwo zwischen Spülbürste, Rasenbegrenzung und Sat-Schüssel mit Südausrichtung. Und findet sich am Ende in seiner ganz eigenen Komfortzone wieder: dem Wasch- und Toilettenhaus für alle.
Denn Camping ist heute keine rustikale Rückbesinnung mehr. Es ist eine Kultur. Eine Lebensphilosophie. Eine Mischung aus „Wir machen hier, was wir wollen“ und „Aber bitte mit Regeln“. Das Ganze serviert in Terrassenschuhen, mit Dauerregen und elektrischer Mückenfalle.
Freiheit auf Parzelle 84c – mit Sichtschutz und Gartenzwerg
Der Deutsche campt nicht, um der Gesellschaft zu entkommen. Er campt, um sich eine kleine Gesellschaft nach seinen Regeln zu bauen. Eine Miniaturwelt, liebevoll ausstaffiert mit allem, was man eigentlich im Urlaub vermeiden möchte: Nachbarn, feste Essenszeiten, Lautstärkepegelgrenzen – nur eben auf Rollrasen.
„Endlich frei!“, ruft der Camper, während er mit der Wasserwaage den Wohnwagen ausnivelliert. Die Sat-Antenne wird ausgerichtet, der Stromanschluss gecheckt. Die Verlängerungskabel verlaufen in geometrischer Präzision, als würde man auf eine TÜV-Abnahme warten. Freiheit? Ja. Aber bitte ordentlich.
Das Wasch- und Toilettenhaus für alle – wo die Seele duschen geht
Kaum ein Ort erzählt mehr über den deutschen Campinggeist als das Zentralwaschhaus. Hier trifft sich das Kollektiv am Morgen zur Katzenwäsche, Zahnputzschlange und Enthaarung unter Neonlicht. Der Duschvorhang klebt am Bein, der Fön ist besetzt, der Geruch: ein Potpourri aus billiger Seife, nassem Gummi und Urlaubsverzweiflung.
Hier wird Privatsphäre zum kollektiven Erlebnis. Man nickt sich zu beim Einseifen, spricht über das Wetter beim Rasieren und diskutiert die Abwassersituation mit der Frau aus Düsseldorf, die sich gerade ihr Knie mit Franzbranntwein einreibt.
Die Krönung: das Schild „Bitte Toilette sauber hinterlassen“. Als hätte jemand hier tatsächlich andere Absichten.
Der Campingsupermarkt – Rewe in der Walachei
„Wir sind unabhängig“, sagt der Camper und rollt mit seinem Falt-Trolley in den Campingplatz-eigenen Minimarkt, der das Lebensgefühl von Apokalypse und deutscher Vorratshaltung miteinander vereint.
Es gibt hier alles, was der Urlaubsdeutsche braucht, um sich heimelig zu fühlen: Dosenravioli, Rotkohl im Glas, sechs Sorten Senf, Grillanzünder in Familienpackung – und natürlich: Original deutsche Brötchen (tiefgekühlt, aber mit Herz).
Der Preis: Apothekenniveau. Die Auswahl: 1980er EDEKA-Filiale. Aber Hauptsache: „Importiertes Zeug kommt mir nicht in die Tüte.“ Nur echt mit dem „Made in Germany“-Gefühl und der Möglichkeit, noch schnell einen Fliegenvorhang für den Eingang des Wohnwagens zu erwerben. Luxus kann so kleinteilig sein.
Der Grill – Schmelzpunkt aller Vernunft
Wenn der Deutsche campt, wird gegrillt. Immer. Überall. Unter allen Umständen. Der Grill ist nicht nur Nahrungsquelle. Er ist Statussymbol, Therapieersatz und sozialer Mittelpunkt zugleich.
Er wird angebetet, poliert, gewartet – und wehe, jemand stellt sich mit einem Elektrogrill dazu. Dann herrscht Krieg.
Gas oder Kohle – das ist die alles entscheidende Glaubensfrage. Filet oder Nacken? Paprika oder gar Zucchini? Vorsicht! Vegetarische Experimente werden skeptisch beäugt.
Denn hier, am glühenden Altar aus Edelstahl, wird deutsche Urlaubsidentität zelebriert. Grillzange in der einen, Bierflasche in der anderen Hand, das Fleisch gut durch – wie die Gespräche. Inhalte? Unwichtig. Hauptsache laut, deftig, kernig.
Reduktion statt Romantik: Das Vorzelt light
Natürlich – das Vorzelt darf nicht fehlen. Aber ehrlich gesagt: Manchmal wirkt es eher wie ein Bollwerk gegen jede Form von Spontaneität.
Ursprünglich mal als Wetterschutz gedacht, wurde es mittlerweile zum Multifunktionsraum aus PVC, der irgendwo zwischen Wohn- und Geräteschuppen oszilliert. Mit wetterfesten Gardinen, einem Laminat-Imitat und einem kleinen Plastiktisch, auf dem eine Lavalampe mutig gegen die Realität anleuchtet.
Die Bausubstanz: wackelig. Die Nutzung: ambitioniert. Die Romantik? Meist zugestellt mit Alukisten. Der einzige Trost: Wer im Vorzelt sitzt, ist wenigstens nicht im Waschhaus.
Die große Freiheit, klein gedacht
„Wir können machen, was wir wollen!“, heißt es oft stolz auf dem Campingplatz. Und doch herrscht eine fast schon preußische Disziplin: Mülltrennung nach DIN, Mittagsruhe wie im Pflegeheim und Lagerfeuer nur mit Genehmigung des Platzwarts.
Der Widerspruch ist offensichtlich – aber egal. Denn wer hier campt, will genau diese Mischung aus Anarchie mit Platzordnung. So funktioniert eben die deutsche Version von Freiheit: selbstgebaut, eingegrenzt und mit Fliegengittertür.
Gönn dir – Camping als Lifestyle-Investition
Früher galt Camping mal als die günstige Alternative zum Pauschalurlaub. Heute ist es ein Lebensgefühl mit Preisetikett. Denn wer glaubt, Camping sei das Sparmodell unter den Reiseformen, der hat seit 1998 weder auf einen Campingplatz geschaut, noch die Preise für eine Gasflasche verfolgt.
Ein Wohnwagen unter 30.000 Euro? Lächerlich. Da fehlt ja schon die Rückfahrkamera. Der Mover? Pflicht! Die Markise mit LED-Spots? Na klar. Und wehe, du kommst mit einem ohne Solarpanel. Die Nachbarn schauen schon schräg, wenn dein Kühlschrank bei Nacht nicht mehr brummt.
Einmal Parzelle mit Wasseranschluss, Strom, Hund, Müllpauschale, Umweltabgabe, WLAN-Zuschlag und „Duschmünzen für Erwachsene“? Macht zusammen mehr als eine Woche All-inclusive auf Kreta.
Und trotzdem heißt es jedes Jahr aufs Neue: „Jetzt gönn dir mal was!“ Ein Satz, der früher hieß: „Kauf dir ein Eis.“ Heute heißt er: „Warum nicht doch der 7-Meter-Wohnwagen mit separatem Elternschlafzimmer und Mückengittertür aus Aluminium-Carbon-Mix?“ Man lebt schließlich nur einmal. Und will doch bitte nicht im Vorzelt des Mittelstands darben.
Denn beim Camping geht es längst nicht mehr nur ums Draußensein. Es geht um Status, um Ausstattung, um das gute Gefühl, autark zu sein – auch wenn man dafür die Kinderbeiträge der Fußballmannschaft hinten anstellt.
Aber hey: Hauptsache man kann in Flip-Flops mit „Grillkönig 2024“-Schürze auf der eigenen Rasenfläche stehen und sagen: „Hat sich gelohnt, oder?“
Na klar. Gönn dir. Wer braucht schon Malediven, wenn er eine neue Kühlbox mit WLAN hat?
Spezialthema: Die Subkultur des Hundecampingplatzes 🐶
Zwischen Kackhaufen und echter Tierliebe
Man könnte meinen, Camping sei schon das Endlevel deutscher Selbstverwirklichung. Aber nein – es gibt eine Steigerung: den Hundecampingplatz. Ein Ort, an dem sich nicht nur Menschen, sondern auch deren Vierbeiner maximal entfalten dürfen – mit mehr Auslaufzonen, Verhaltensregeln und Sozialisierungspflicht als in mancher KiTa. Hier wird nicht einfach Urlaub gemacht. Hier wird mitgebellt.
Willkommen im Bellenparadies
Schon am Einfahrtstor wird klar: Du bist nicht mehr auf einem normalen Campingplatz. Hier grüßt man sich nicht mit „Moin“, sondern mit „Wie alt ist er denn?“. Die Parzellen sind größer – nicht für den Mensch, sondern fürs Agility-Set. Statt Sonnenschirm: Hundepool. Statt Sat-Schüssel: Wurfspielzeughalter. Und spätestens wenn du in der Rezeption zwischen „Hundedusche“, „Pfotenbar“ und dem Flyer für den Doggy-Yoga-Kurs stehst, wird dir klar: Hier sind die Rollen verteilt – und du bist nicht der Chef.
Die andere Realität: Hundehalter unter sich
Der Hundecampingplatz ist ein Biotop voller Sonderregeln.
Dazu gehören:
- die still geduldete Kotwiese, die ursprünglich als Spielplatz gedacht war,
- die Diskussion darüber, welche Rasse „sozialverträglicher“ bellt,
- und die konfliktgeladenen Begegnungen an der Schleppleine, wenn Herrchen oder Frauchen mit „Aber der will doch nur spielen“ die dritte Beißattacke relativieren.
Wer glaubt, man könne sich hier einfach mal entspannen, irrt. Es gibt keinen „mal schnell zur Toilette gehen“ – es gibt nur: „Könntest du kurz auf Emma aufpassen, sie hat ein leichtes Problem mit französischen Bulldoggen.“
Zwischen Rudelmentalität und Revierdenken
Der soziale Druck ist enorm. Wer seinen Hund nicht barft, nicht mental fördert und nicht konsequent duzt, fällt auf. Gekotet wird grundsätzlich nie vom eigenen Tier – nur von „einem anderen“, der vermutlich „gar nicht zum Platz gehört hat“. Und wehe, du wagst es, deinen Liebling mal anzuleinen, obwohl gerade freie Freilaufzone ist. Dann gibt’s Erziehungsnachhilfe aus Parzelle 17a: „Du musst ihm halt vertrauen! Hunde spüren das!“ Ach so? Ich spüre vor allem seine Zähne in meiner Wade, Karin.
Echte Tierliebe? Durchaus. Aber…
So skurril, so überdreht, so aufgeladen dieses Mikrokosmos auch sein mag – eines kann man den Hundecampern nicht absprechen: Sie lieben ihre Tiere. Vielleicht ein bisschen zu laut, zu organisiert, zu kitschig. Aber mit einer Konsequenz, die man in anderen Lebensbereichen oft vermisst.
Wo andere ihren Hund noch als Haustier betrachten, wird er hier als Familienmitglied, spiritueller Begleiter und Sozialprojekt in Personalunion behandelt. Mit Spezialfutter, Sonnensegel, Zeckenbürste, Hundemassage – und ganz viel Zuneigung.
Fazit: Wuff, aber mit Warnblinklicht
Der Hundecampingplatz ist nichts für schwache Nerven – weder menschlicher noch tierischer Art.
Er ist ein Paralleluniversum voller Toleranz, Territorialverhalten und Therapiemöglichkeiten, in dem man sich entweder pudelwohl fühlt – oder die Flucht ergreift, bevor die nächste Gruppengassirunde beginnt.
Ich? Ich bewundere diese Szene aus der Ferne – mit Respekt, aber ohne Kotbeutel.
Denn zwischen echter Tierliebe und der leicht überdrehten Ersatzreligion liegt ein schmaler Grat. Und irgendwo dazwischen steht ein Mops mit Sonnenbrille, und ich frage mich:
Wer führt hier eigentlich wen an der Leine?
Und trotzdem: Jeder wie er mag
So bissig, so genervt, so ironisch ich auch schreibe – eines sei am Ende gesagt: Wer sich auf dem Campingplatz wohlfühlt, der soll das auch tun. Familien mit Kindern, Menschen mit Hunden, Leute mit Lust auf Geselligkeit und den Grillmarathon des Jahres – ihr habt mein Verständnis. Wirklich.
Ich dagegen bin einfach nicht dafür gemacht. Ich brauche kein Klapptisch-Kollektiv, kein Gruppenhygienehaus und kein gutes Zureden vom Brötchendienstleiter. Ich bin Team Rückzugsort. Am besten mit Zimmerservice und Handtuchwechsel.
Aber: Wir leben in einem Land, in dem jeder sein kleines Urlaubsparadies bauen darf – auch wenn’s auf Rädern steht. Und wer weiß: Vielleicht erwische ich mich eines Tages selbst, wie ich mit Mover und Maurerschnur meine Parzelle einmesse.
Aber bis dahin bleibe ich, was ich bin:
Ein Camper-Verweigerer mit festem Dach über dem Kopf – und einem leisen Respekt für all jene, die freiwillig neben einem Duschhaus schlafen.
Parzelle 53b – oder: Die Erleuchtung zwischen Mover und Mettwurst
– Ein Tatsachenbericht –
Ich weiß gar nicht mehr genau, wie ich in diesen Albtraum geraten bin. Vielleicht war es ein Anflug von Abenteuerlust. Vielleicht ein Moment geistiger Umnachtung beim Scrollen durch die Booking-Alternative mit dem harmlosen Namen „Campingliebe24“. Oder vielleicht lag es einfach daran, dass meine Freundin Sabine plötzlich diesen Satz sagte, der jedes Leben verändern kann:
„Wir sollten mal was anderes machen.“
Zwei Wochen später stand ich also vor einem 7,30 Meter langen, klimatisierten, ausziehbaren und mit Deko-Wimpelkette verzierten Wohnanhänger namens „Willi“. Auf Parzelle 53b. Direkt neben Bernd und Conny aus Witten, die sich ihre Parzelle schon seit 1998 mit Stacheldraht und Kunststoff-Begrenzungsrasen markiert hatten. Inklusive Schild mit Familiennamen und dem stolzen Zusatz: „Hier wohnt das Glück.“
Ich war das Gegenteil von glücklich.
Es fing harmlos an. Bernd kam rüber und fragte:
„Na, das erste Mal mit’m Mover?“ Ich antwortete leichtsinnig mit: „Was ist ein Mover?“ Er lachte. Dann holte er Popcorn.
Was folgte, war ein öffentliches Demütigungsritual in acht Zügen. Ich, der Stadtmensch, der dachte, ein Mover sei ein Fitnessgerät, versuchte also per Fernbedienung, den tonnenschweren Willi auf die vorgesehene Fläche zu rangieren – unter den fachmännischen Kommentaren sämtlicher Nachbarn:
„Noch zehn Zentimeter… weiter… nee, anders… STOPP! Zu spät.“ Irgendwann rollte Willi millimetergenau auf den Kasten Bier von Parzelle 53c. Ich entschuldigte mich. Man war gnädig. Ich wurde akzeptiert.
Jetzt war ich einer von ihnen. Und es wurde nicht besser.
Am nächsten Morgen stand ich vor dem Wasch- und Toilettenhaus für alle.
Ein Ort, der klingt wie ein skandinavisches Architekturbüro, aber sich anfühlt wie das Epizentrum kollektiver Nacktheit. Ich versuchte zu duschen, ohne Körperkontakt mit dem Duschvorhang aufzunehmen – ein Ding der Unmöglichkeit. Neben mir schäumte sich jemand mit Hundeshampoo ein („Verträglicher als dieses Chemie-Zeug für Menschen“), während zwei Frauen über das Biozertifikat des Spülmittels debattierten.
Ich lernte schnell: Hier duscht man nicht – man beweist Charakter.
Auf der Suche nach Frühstück stieß ich auf den campingeigenen Minimarkt. Das Sortiment: ein wilder Mix aus Dosenwurst, Dosenbrot, Dosenbier – und einem einzigen Apfel, der schon bessere Zeiten gesehen hatte.
Ich wollte Marmelade. Ich bekam „Waldfrucht-Aufstrich klassisch – regional abgefüllt in Niedersachsen“. Für 4,90 €. „Ist halt Camping“, sagte Sabine. Ich begann zu rechnen. Und zu weinen.
Nachmittags wurde mir feierlich der Grillbereich gezeigt.
„Hier wird jeden Abend gegrillt“, sagte Bernd. Ich fragte: „Auch bei Regen?“ Er sah mich an wie jemanden, der im Dom fragt, ob man auch ohne Abendmahl reinkommt. Sabine bereitete Tofu-Spieße vor. Bernd reichte mir eine Bratwurst und flüsterte: „Lass das mal lieber. Nicht dass du hier noch auffällst.“
Tag drei. Ich spazierte gedankenverloren über das Gelände – da hörte ich es: Bellen. Nicht eins. Nicht zwei. Eine ganze Sinfonie. Ich war versehentlich auf den Teil des Platzes geraten, der offiziell als „Hunde-Campingbereich mit Sozialzone und Fellnasen-Auslaufstrecke“ ausgeschildert war. Plötzlich stand ich inmitten von Labradoren, Dackeln, Möpsen in Funktionskleidung und einer Frau mit T-Shirt-Aufdruck: „Mein Hund hört besser als dein Kind.“ Ich wagte zu lächeln. Ein Chihuahua schnappte nach meinem Fuß. Die Frau rief: „Der macht sonst nie was!“ Ich humpelte weiter.
Am letzten Abend saß ich vor dem Vorzelt – das ich mittlerweile selbst aufgestellt, abgeklettet und liebevoll mit batteriebetriebener Lichterkette bestückt hatte. Bernd reichte mir ein Bier. Conny brachte selbstgemachten Nudelsalat. Ein Mops mit Sonnenbrille schnarchte mir zu Füßen. Und ich dachte: Vielleicht ist das hier alles gar nicht so schlimm. Vielleicht ist Camping einfach die große deutsche Sehnsucht nach Ordnung im Chaos, Gemeinschaft mit Grillgeruch und ein bisschen Pseudofreiheit auf 42 Quadratmetern Kunstrasen. Vielleicht ist es auch einfach… billig? Ach nee – war ja teuer.
