Bildungssystem đŸ‡©đŸ‡Ș 😱

„Leistungsniveau gesunken?“ – Keine Überraschung im Schulmuseum Deutschland

Es ist wieder soweit: Die Meldungen rauschen durch die Medien, das Leistungsniveau an Schulen sinkt. Schock! Wer hĂ€tte das kommen sehen? Also außer allen, die schon einmal eine deutsche Schule von innen gesehen haben. PISA winkt freundlich mit der roten Laterne, IQB* meldet „besorgniserregend“ – und das System? Sitzt auf seiner alten Holzbank, frisst Kreide und murmelt: „Weiter so.“

Preußische Schablone, 2025 fein poliert

Klassenverband wie 1870. Jahrgangsstufen wie im Kaiserreich. Noten wie in der Oberstube des Dorfschulmeisters. Das Grundsystem stammt aus einer Zeit, in der „Kompetenz“ bedeutete, beim Kaiser nicht schief zu atmen. Heute leben wir in einer Welt, in der Wissen in die Hosentasche passt und die wichtigen FĂ€higkeiten Transfer, Team, Tech, Timing heißen – aber wir messen weiter in Zensuren, die so genau sind wie ein nasser BrotkrĂŒmel.

Und weil es richtig Spaß macht, das Rad 16‑mal neu zu erfinden, regeln 16 BundeslĂ€nder die Bildung jeweils ein bisschen anders. Föderale Vielfalt nennt man das euphemistisch. FĂŒr Lernende heißt es: Umzug = neues Regelbuch. FĂŒr Lehrende: 16 Versionen desselben Formulars. FĂŒr Reformen: Bitte warten. (Stichwort Kulturhoheit der LĂ€nder â€“ schönes Konzept, trĂ€ge in der Umsetzung.)

Fachlich top – am Leben vorbei

Niemand hat etwas gegen Geografie, Integralrechnung oder Mendelsche Vererbung. Alles spannend – wenn man’s braucht. Pflicht fĂŒr alle? Dauerhaft? Als zentrale Eintrittskarte ins Leben? Und gleichzeitig null verpflichtende Bildung zu Medienkompetenz, digitaler MĂŒndigkeit, Finanzgrundlagen, Lerntechniken, Kommunikation, KI‑Verstehen, StaatsbĂŒrgerkunde 2.0, beruflicher Orientierung? Das ist, als wĂŒrdest du jedem Haushalt eine Feile schenken – und dann verbieten, einen Schraubenzieher zu kaufen.

Vorschlag fĂŒr neue KernfĂ€cher (ernst gemeint, sarkastisch serviert):

  • Digitale MĂŒndigkeit & KI‑VerstĂ€ndnis: vom Deepfake erkennen bis „Wie frage ich eine KI sinnvoll?“
  • Medien & Meinung: Filterblasen, Quellenkritik, „Kein Kommentar ist auch ein Kommentar“.
  • Geld & Gesellschaft: Steuern, Miete, Versicherungen, „Was kostet das Leben wirklich?“.
  • Kommunikation & Konflikt: reden, zuhören, verhandeln; kurz: Team statt TribĂŒne.
  • Projekt & Praxis: machen statt merken – mit echten Problemen aus Arbeit, Umwelt, Wirtschaft.
  • Gesundheit & Psyche: Schlaf, Stress, Social‑Media‑Hygiene.
  • Technik & Handwerk: Bohrmaschine und Browser, beides ohne Verletzungen bedienen.

WĂ€hrenddessen zeigen PISA & IQB, dass es nicht einmal bei den Basics wie Lesen/Schreiben/Rechnen rundlĂ€uft – und zwar nicht erst seit gestern. Schöne Ironie: Wir verteidigen stur die StofffĂŒlle von gestern, wĂ€hrend die Kompetenzen von heute hinten runterfallen.

Beamtenlogik: Sicher ist sicher – außer die Zukunft

Vorab: Es gibt großartige LehrkrĂ€fte. Viele brennen – und verbrennen. Das Problem ist weniger die Person als das Incentive‑Design*. Wer allerdings höchst privilegiert und mit Steuergeldern gepudert im Beamtenmodus ohne Leistungsfeedback, mit minimaler Entwicklungspflicht und maximaler Administrationslast sitzt, wird selten zum didaktischen Elon Musk.

Der Beruf ist anspruchsvoll â€“ keine Frage. Genau deshalb braucht er leistungsorientierte Entwicklungspfade, systematische Fortbildung mit Wirkung, echte Kollegiale Hospitation, FreirĂ€ume zum Experimentieren und Transparenz ĂŒber Lernfortschritt (bei SuS und LehrkrĂ€ften). Stattdessen: Formalien, Formularien und die Beförderung per Kalender. Und draußen tobt der LehrkrĂ€ftemangel, den alle seit Jahren kommen sehen – und trotzdem stopft man die Löcher mit Mehrarbeit und Seiteneinstieg ohne System. Bravo.

„Ferien“ – das große Tabu mit der Brotdose

Die Stammtischversion geht so: „Lehrer haben ca. 70 Tage Urlaub und zwei Kreidestummel pro Woche.“ Die Wahrheit ist – natĂŒrlich – komplexer: Korrekturen, Vorbereitung, evtl. 1-2 Konferenzen, etwas Orga. Alles richtig. Aber: Wenn Schule ein Sanierungsfall ist, dann reicht es nicht, in der unterrichtsfreien Zeit nur den Korrektur-Buckel zu machen.

Warum nicht verbindliche Entwicklungszeiten in den Ferienfenstern, zum Beispiel: zwei Wochen didaktisches Sprinten (Curricula entrĂŒmpeln, Projekte bauen, digitale Tools trainieren, Hospitationen planen) – mit sichtbaren Ergebnissen im neuen Halbjahr? Keine Strafarbeit, sondern Investitionszeit. Und ja: gegenfinanzieren, kompensieren, fair gestalten. Der Punkt ist: Fortschritt ist planbar – wenn man ihn plant.

Extra-Baustellen, die keiner mehr zÀhlen kann

Flickenteppich-Föderalismus
Bei der Einschulung kriegst du neben dem Stundenplan noch eine Landkarte. Jedes Bundesland hat Regeln, die heilig sind, bis sie woanders wieder profan sind. Ergebnis: Reformgeschwindigkeit ≈ Schnecke mit Gipsbein.

LehrkrÀftemangel, die unendliche Geschichte
Prognosen seit Jahren: Es fehlen Tausende, in manchen FĂ€chern dramatisch. Reaktion: Kampagnen, Quereinstieg, bisschen Geld. Strategie? Meh. Das Grundproblem â€“ AusbildungskapazitĂ€ten, StudienabbrĂŒche, unattraktive Bedingungen an schwierigen Schulen – bleibt.

Digitalpakt: Papier ist geduldig, WLAN nicht
GerĂ€te da, Wartung fehlt. Lizenzen da, Fortbildung fehlt. Richtlinien da, Steckdosen fehlen. Und Digitalpakt 2.0? Politische Ping-Pong-Session. Die LĂ€nder drĂ€ngen, die Verhandlungen ziehen sich – wĂ€hrend die RealitĂ€t im Klassenzimmer lĂ€ngst hybrid ist (aber oft ohne Hybrid-Steckdose).

Inklusion & Ganztag – ohne Werkzeugkoffer
GrundsĂ€tzlich richtig, gesellschaftlich ĂŒberfĂ€llig. Aber ohne Ressourcen, multiprofessionelle Teams, RĂ€ume, Zeit wird’s zur pĂ€dagogischen Lotterie. „Wir schaffen das“ ist kein Fortbildungsformat.

PrĂŒfungsfetisch statt Feedbackkultur
Wir testen, wir werten, wir schieben Noten – und lernen dabei erstaunlich wenig ĂŒber Lernen. RĂŒckmeldungen kommen spĂ€t, sind oft kryptisch und landen im Ranzen-Fossil „Zeugnis“. Modernes Formatives Feedback? Noch zu oft der bunte Stift mit Herzchen.

Was stattdessen? (Keine Revolution, nur konsequent)

  • EntrĂŒmpeln statt aufblĂ€hen: 20 % weniger Stoff, 80 % mehr Tiefe.
  • Projektwochen als Normalfall: Jeden Monat ein Mini‑Sprint mit echten Problemen aus Beruf, Umwelt, Wirtschaft.
  • Teamteaching: Lehrkraft + Praxisprofi + SozialpĂ€dagogik = Klasse als Werkstatt.
  • Transparente Lernpfade: Kompetenzen sichtbar machen – fĂŒr Lernende, Eltern, LehrkrĂ€fte.
  • Verbindliche Fortbildungszeit: 10 Tage pro Jahr, curricular angebunden, mit Output (Material, Konzept, Checkliste).
  • Digitale Grundversorgung: W‑LAN, Wartung, Support als Infrastruktur, nicht als Gnade.
  • Karrierepfade im Kollegium: Didaktik‑Lead, Digital‑Lead, Diagnostik‑Lead – Leistung sichtbar machen, fördern, vergĂŒten.
  • Lernstand vor Lehrplan: Wenn PISA & IQB rote Flaggen setzen, priorisieren wir Basis: Lesen, Schreiben, Rechnen – bevor wir an die Ornamente gehen.

Kurz zurĂŒck zur Headline

Ja, das Leistungsniveau sinkt. Das ist nicht die Schuld „der Jugend“, „der Eltern“, „der Smartphones“ oder „der MathebĂŒcher von 1998“ allein. Es ist die logische Folge eines Systems, das seit Jahrzehnten Struktur ĂŒber Sinn stellt, Verwaltung ĂŒber WirkungStoff ĂŒber Kompetenz. Und das sich wundert, wenn am Ende genau das rauskommt, was reingesteckt wurde: viel Aufwand, wenig Ergebnis. Oder wie PISA es nĂŒchterner sagt: historisch schlechte Werte â€“ und zwar nicht zufĂ€llig, sondern im Trend.

Meckerbude‑Schlusswort

Ich bin freiberuflicher Dozent. Wenn ich schlecht liefere, war’s das. Keine Beförderung auf Kalender, keine lebenslange Gummiweste. Vielleicht braucht Schule davon eine Prise: mehr Verantwortung, mehr Feedback, mehr Konsequenz – und endlich die Inhalte, die ein Leben im 21. Jahrhundert wirklich tragen.

Bis dahin bleibt Deutschlands Bildung eine wunderschöne Zeitkapsel: gut gemeint, alt eingerichtet, stolz auf den HausmeisterschlĂŒsselbund. Und dazwischen (einige) engagierte LehrkrĂ€fte, die das Unmögliche möglich machen sollen – oft trotz, nicht wegen des Systems.

Leistungsniveau gesunken?
Klar. Warten wir noch 16 Sitzungen der Kultusministerkonferenz ab, dann beschließen wir ein Pilotprojekt, das drei iPads und zwei Steckdosen finanziert. Das wird’s richten.

Fußnoten zum RealitĂ€tsabgleich:
PISA 2022 und der OECD‑Country‑Note belegen damals schon den deutlichen Leistungsabfall. Der IQB‑Bildungstrend meldet besorgniserregende Ergebnisse in Deutsch (und differenziert in Englisch). Der LehrkrĂ€ftemangel ist dokumentiert; Prognosen der KMK* und Stellungnahmen (u. a. SWK*) zeigen strukturelle LĂŒcken bis 2030. Beim Digitalpakt 2.0 drĂ€ngen die LĂ€nder 2025 auf Abschluss. Föderal geregelt bleibt alles dank Kulturhoheit – mit den bekannten Folgen.

*IQB = Institut zur QualitÀtsentwicklung im Bildungswesen
*Incentive Design = Anreiz-Design
*SWK = StÀndige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz
*KMK = Kultusminister-Konferenz

MeckerBoss

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