Das liebste Kind đźš—

Das Auto – des Deutschen liebstes Kind (mit Taufschein und Seelenleben)

These: In Deutschland ist das Auto längst mehr als Blech auf Rädern. Es ist Status, Seelsorger, Partner*in, Haustier, Trophäe – manchmal sogar Religion mit eigener Liturgie. Und wer das nur als „Fortbewegungsmittel“ bezeichnet, hat vermutlich auch das Frevelhafte getan und den Wunderbaum „Vanille“ gegen „Neutral“ getauscht.

Statussymbol: Die rollende Visitenkarte

FrĂĽher: Pferd oder Kutsche.
Heute: Leasingkutsche mit LED-Wimpern.
Das Auto sagt, wer du sein möchtest – nicht wer du bist. PS als pädagogisches Konzept, Chrom als Charisma-Ersatz. Der Parkplatz vor dem Fitnessstudio ist Catwalk; das Nummernschild wird zur Monogramm-Jacke („XX-SM-1“ – subtil wie ein Presslufthammer). Die Heilige Dreifaltigkeit des Status: PS-Zahl, Felgendurchmesser, Abgasrohranzahl. Und natürlich die Dienstwagenliturgie: „1-Prozent-Regel“ als Ablasshandel, tägliches Beichten beim Flottenmanager, heilige Missionsfahrten zur Kaffeemaschine. Wer erfolgreich ist, fährt „groß“. Wer sehr erfolgreich ist, fährt „groß, aber in mattgrau“. Understatement, aber bitte 2,3 Tonnen Understatement.

Das Auto hat eine Seele (und einen Tauftermin)

Wer braucht Haustiere, wenn man eine C-Klasse namens „Schantalle“ hat?
„Heute hat sie geschnurrt“, sagt der Mensch nach 130 auf der A3. Autos werden getauft, bekommen Winterdecken(Ganzgarage!), und ja: Man redet mit ihnen. â€žKomm schon, Mädchen!“ vorm TĂśV. „Halt durch!“ an der Ampel. Und wenn die Motorleuchte angesprungen ist, nennt man das emotionale Instabilität.

Das Bordbuch wird zum Tagebuch: „05.03., 18:42 Uhr, erste Macke an der Tür. Verdächtiger: Einkaufswagen. Ermittlungen laufen.“ Und wenn der Wagen verkauft wird, flüstern viele: „Sie*er kommt zu guten Leuten.“ Klar. Gebrauchtwagenbörse als Tierheim der Emotionen.

Gesicht, Hintern & „böser Blick“ (Cringe-Modus: AN)

„Der hat ein aggressives Gesicht.“ Nein. Der hat Scheinwerfer.
„Die Hüfte! Dieser Hintern!“ Falscher Raum. Auto, nicht Laufsteg.

Dass man dem Blech Augenlider verpasst („böser Blick“), gehört zur hohen Schule der Anthropomorphisierung. Was folgt als Nächstes? Augenbrauen aus Alcantara? Wimperntusche in Wagenfarbe? Wenn eine StoĂźstange „dominant“ wirkt, ist das kein Charakterzug – das ist ein Designer, der zu viel Espresso hatte.

„Sportlich“ – die Wellness-Variante von schnell

Sportlich ist, wenn man in 4,9 Sekunden zum Bäcker rollt und die Semmeln dabei in Carbon wickelt.
Ein SUV mit „Sport“-Taste, Massage-Sitzen, Panoramadach und 
Ambientebeleuchtung in 64 Farben – das ist kein Sportgerät, das ist ein rollendes Spa. Die Bremssättel sind rot (weil schnell) und die Bremswege lang (weil Masse). Hauptsache, der Fahrer trägt Sneaker in Wagenfarbe. „Fahrmodus SPORT+“ bedeutet in Wirklichkeit: Lenkrad wird schwerer, Musik wird lauter, Ego bekommt Proteinshake. Die einzige echte Trainingseinheit ist das tägliche Parklückenknebeln in der Innenstadt.
Aber mal ehrlich: Was ist bitte schön an einem handelsĂĽblichen PKW sportlich??? Ich habe es nie und werde es auch nie verstehen…

Kuriositätenkabinett der Autoliebe

WaschstraĂźen-Ritual (Sonntagsmesse)
Schlange stehen, Andacht halten, Schaumkreuz auf die Haube zeichnen. AnschlieĂźend das Mikrofasertuch mit mehr Zärtlichkeit behandeln als den Ehepartner. Wer im Trockner nicht nachwischt, hat die Kontrolle ĂĽber sein Leben verloren. Doch halt: der echte Autofanatiker wäscht sein Auto selbst – in der Einfahrt – verbotener Weise und nur mir destilliertem parfĂĽmiertem Wasser. So viel Zeit muss sein!

Dufttheologie
„Neuwagen-Duft“ – das Parfum, das nach Chemie-Abitur riecht. Alternativ: „Ocean Breeze“, der Geruch, den kein Ozean je freigegeben hat. Der Wunderbaum baumelt wie ein Talisman gegen schlechte Vibes und frittierte Pommes vom Drive-in.

Innenraum als Wohnzimmer
Fahrzeuge mit Ambienteschlauch, Lichtorgel und Konfigurationsmenü „Romantik“. Die Sitzheizung ist Grundrecht, das Lenkrad warm, die Cupholder beheizt – fehlt nur noch der Kaminfeuer-Screensaver (ach, den gibt’s ja schon).

Kennzeichen-Esoterik
Geburtstage, Initialen, Lieblingszahl. Wer in der Zulassungsstelle kein Vanity-Plate bekommt, macht ersatzweise Kennzeichenhalter mit Spruch: „Keine Panik, ich hab ABS“ (wir alle hätten gern ABS fĂĽrs Leben).

Dashcam & Babykamera
Nachwuchs auf dem RĂĽcksitz, Dashcam nach vorne – falls jemand an der Ampel nicht losfährt, gibt’s BeweisfĂĽhrung in 4K. Datenschutz? Ach was, das ist Content.

Parkplatz-Philosophie
Zwei Plätze blockieren, um TĂĽrkanten zu schonen? Heldentat! Alternativ: Millimeterarbeit und dann aus dem Schiebedach entweichen. Später im Forum: „War eine Herausforderung, aber ich hab’s gefĂĽhlt.“

HU/AU – das Sakrament
Die TĂśV-Plakette ist der Stempel im Bonusheft fĂĽrs Seelenheil. „Nur geringe Mängel“ – so klingt GlĂĽck. „Erhebliche Mängel“ – so klingt Scheidung.

Tribalismus: E vs. V
Auf der einen Seite die Steckdosen-Sekte mit App-Schrein, Ladeplan und SoC-Orakel. Auf der anderen Seite der Brülltüten-Chor mit Oktanrosenkranz. Beide Seiten sind sich einig: Die jeweils anderen liegen falsch. Und treffen sich heimlich bei Burger King am Ortsrand.

Autobahn als Pilgerstätte
Ohne Tempolimit: die letzte Freiheit, die man mit 2,3 Tonnen erleben darf, während rechts die Lichthupe schon „Beichten!“ fordert. Danach im Freundeskreis: â€ž300 hat er gemacht, ehrlich!“ (auf einer leichten Gefällestrecke, RĂĽckenwind, Tachovorlauf).

Tuning – die Körperkunst des Blechs
Fahrwerk tiefer als der Selbstwert, Auspuff lauter als das Argument, Folie glänzender als die Zukunft.
Wenn’s nicht passt, wird’s passend gemacht. Hauptsache â€žStage 2“ â€“ bei der Intelligenz leider Stock.

„Baby an Bord“ & „Hund an Bord“
Der Straßenverkehr als Nachrichtenbrett. Fehlt nur noch: „Midlife-Crisis an Bord“, „Thermomix an Bord“, „Egos und Erwartungen an Bord“.

Familienmitglied mit Futterneid

Der Wagen bekommt Premium-Sprit und Keramikversiegelung, die Kinder Toast ohne Rinde. Die Katze darf nicht aufs Sofa, aber der Hund ins Kofferraum-Heiligtum – natürlich mit eigens bestellter Laderaumwanne. Jedes Serviceintervall wird sorgfältig geplant, die eigene Arztkontrolle „irgendwann“. Prioritäten!

Der Mythos vom Fahrer als Held

Moderne Autos sind rollende Kindergärten: Spurpieps hier, Müdigkeitsblink da, Notbremse als Nanny. Totwinkelwarner, Parkpilot, Stau-Assistent – das volle Programm für Leute, die schon beim Einfädeln in den Kreisverkehr überfordert sind. Und dann sitzt da vorne einer, streichelt das Lenkrad und sagt: „Ich hab’s im Gefühl.“
Gefühl? Das einzige Gefühl ist das Summen der Sitzmassage im Gesäß. Der Fahrer ist längst degradiert zum Aufsicht führenden Knöpfchendrücker im Bordcomputer – quasi ein „Windows-Update mit Puls“.

Echte Enthusiasten verachten diesen Technikkram. FĂĽr sie gilt: Fahren ist Handwerk, nicht Netflix.
Die Kupplung ist ihr Yoga, der Schaltknauf ihre Liturgie. ABS? Was für Angsthasen. ESP? Für Leute, die sonst den Graben suchen. Automatik? Für Beifahrer, die zufällig auf der falschen Seite sitzen.

Während der Normalo stolz davon erzählt, dass sein Auto „selbst einparkt“, lachen die echten Fahrer nur und fragen: „Und wer zieht dir eigentlich die Hose hoch?“ Denn wer Assistenzsysteme braucht, hat das Fahren nicht verstanden – sondern höchstens die Angst vorm Bordstein.

Die Moral von der Geschicht’ (kommt auf Achse)

Wer sein Auto liebt, darf es pflegen. Wer sein Auto vergöttert, verwechselt Komfort mit Charakter und Leasingrate mit Leistung. Autos sind brillant – als Technik. Sie sind freiheitsstiftend – als Infrastruktur. Aber Seele, sexy Hintern und böser Blick? Das ist Projektionskunst im Alltag, die spätestens an der Ampel im Rückstau verdunstet. Vielleicht ist das Auto am Ende doch nur: praktisch. Ein Werkzeug, das uns von A nach B bringt, ohne dabei Sinn zu ersetzen. Sinn, den man besser nicht in der Mittelkonsole sucht. Und wer jetzt beleidigt ist, dem sei gesagt: Es gibt Trost. Die Sport-Taste macht auch beleidigt 0,2 Sekunden schneller.

Fazit:


Bleib gern verliebt in dein „Heiligs Blechle“. Aber bitte ohne Traualtar, Namensweihe und Geburtsfotos vom Auslieferungstag. Denn so süß das alles ist: Es bleibt ein Gegenstand. Und der hat – Überraschung – keine Gefühle. Du dafür umso mehr.

MeckerBoss

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