Soziologie bequem von der Couch
Es war noch nie so einfach, in die tiefsten Abgründe der menschlichen Natur zu blicken – man muss nur Instagram öffnen. Oder X (ehemals Twitter). Oder Facebook. Oder einfach irgendeinen Kommentarbereich, in dem sich Menschen tummeln, die sonst vermutlich nicht mal in der Lage wären, einen Einkaufszettel ohne Tippfehler zu schreiben. Willkommen im digitalen Panoptikum des Wahnsinns.
Alle sind Experten – oder halten sich zumindest dafür
Wer braucht schon ein Studium, journalistische Sorgfalt oder gar einen Gedanken, wenn es auch reicht, sich in fĂĽnf Minuten ein paar Wikipedia-Halbsätze reinzuziehen und dann mit Inbrunst ĂĽber Virologie, Geopolitik oder Heizungsbau zu dozieren? Der selbsternannte „Experte“ ist längst Standardpersonal in den Kommentarspalten. DĂĽnn angerĂĽhrtes Halbwissen trifft dort auf missionarischen Eifer – die perfekte Melange fĂĽr den nächsten Shitstorm.
Rechtschreibung ist Meinungssache
Manche Beiträge sind so verstörend geschrieben, dass man sich fragt, ob der Autor währenddessen gerade aus einem fahrenden Auto gefallen ist. Groß- und Kleinschreibung? Irrelevant. Zeichensetzung? Wird überbewertet. Satzbau? Wird durch Bauchgefühl ersetzt. Aber wehe, man weist darauf hin – dann ist man gleich ein linksgrünversiffter Elitist mit Kommaspleen.
Wenn die KI für dich schreibt – und du’s nicht mal merkst
Besonders charmant: Die zunehmende Zahl an Kommentaren, die offenbar von künstlicher Intelligenz erstellt wurden – und das nicht etwa, weil sie so brillant sind. Sondern weil sie einen grammatikalischen Gleichmut besitzen, der selbst dem Deutschlehrer in Rente komisch vorkommen würde. Natürlich wird das Geschriebene dann als „eigene Meinung“ verkauft. Copy, Paste, Meinung. Willkommen im Zeitalter der synthetischen Selbstdarstellung.
Mobbing & Meckern als Volkssport
Beleidigungen sind heute keine Ausnahme mehr – sie sind das Fundament jeder Diskussion. Wer höflich bleibt, hat eigentlich schon verloren. Persönliche Angriffe sind fester Bestandteil des rhetorischen Repertoires, und wer anderer Meinung ist, wird nicht argumentativ widerlegt, sondern schlicht für dumm erklärt. Oder für einen Bot. Oder für beides.
Menschen, wie sie wirklich sind
Das Faszinierende (und zugleich Traurige) an Social Media ist: Es zeigt uns nicht eine gefilterte Version der Realität – es zeigt uns die Realität der Menschen ungefiltert. Ihre Gier nach Aufmerksamkeit, ihre Abneigung gegen Komplexität, ihre Lust an der Empörung. Hier ist nicht nur die Hosen runter – hier wird nackt getanzt und mit dem Selfiestick gewunken.
Dummheit findet zusammen – zuverlässig und algorithmisch optimiert
Plattformen wie „Fridays for Hubraum“ beweisen, dass absurde Ideen nicht nur überleben, sondern blühen – solange genug Leute mitmachen. Social Media fördert Allianzen nicht durch Argumente, sondern durch Bestätigung. Der Algorithmus liefert genau das, was das Ego streichelt – die Blase wird zur Burgmauer. Und wer da draußen noch denkt, man könne „offen diskutieren“, sollte sich dringend mal die Kommentare unter einem öffentlich-rechtlichen Beitrag ansehen.
Werbung, wohin das Auge scrollt
Während man sich also durch die emotionale Gosse der Kommentarspalten kämpft, blinken am Rand personalisierte Werbeanzeigen: „So wirst du in 7 Tagen reich“, „Geheime Darmkuren, die Ärzte hassen“, „Diese eine Sache hat meine Ehe gerettet“. Es ist, als würde jemand beim Blick in den Abgrund noch ein Leuchtreklame-Plakat aufstellen.
Und der Algorithmus entscheidet, was du denkst
Das vielleicht Gruseligste an Social Media: Es zeigt dir nur das, was dich in deiner Meinung bestätigt. Kein Zufall, keine Vielfalt, kein Erkenntnisgewinn – nur der algorithmische Endlosloop deiner eigenen Überzeugungen. Der Filter ist keine Sonnenbrille – er ist eine Schlafmaske.
Löschen, abmelden, rausgehen? Klingt verlockend.
Aber machen wir uns nichts vor: Wer sich ganz von Social Media fernhält, verpasst nicht nur Shitstorms, Trollfabriken und Querdenkerkirmes – sondern auch das wohl größte Unterhaltungsangebot der Gegenwart. Nirgendwo sonst ist es so einfach, beim Kaffeetrinken eine komplette Gesellschaftsstudie durchzuführen – kostenlos, in Echtzeit und mit eingebautem Facepalm-Modus.
